Ein Leben voller Verzweiflung

Kalter Wind schlägt mir ins Gesicht. Die innere Sucht zwingt mich dazu, die fast verheilten Wunden an meinen Armen wieder aufzuschneiden. Der krankhafte Zwang bringt mich dazu, von meinem geöffneten Fenster zurückzutreten, es zu schließen und die winzige, aber höllisch scharfe Nagelschere aus ihrem Versteck zu holen. Ich verschließe meine Zimmertür, setze mich in eine Ecke des großen, leeren Raumes und befriedige die Sucht.
Die Sucht, die mich eingenommen hat, mich zerstört. Die Sucht, die keiner nachvollziehen kann.
Ich muss es einfach tun. Der Stress die Unverstandenheit. Einfach alles bringt mich dazu.
Alle tun sie immer so, als würden sie mich verstehen! Dabei wissen sie nicht ansatzweise was ich denke, geschweigeden, was ich fühle.
Es dauert nicht lange, da beginnt das Blut zu fließen. Doch das reicht mir nicht. Ich mache so lange weiter, bis der Schmerz unerträglich wird und ich kraftlos zusammensinke.
Langsam werde ich wieder wach. Ich versuche aufzustehen. Schwerfällig ziehe ich mich an dem Regal, was in Reichweite steht, hoch und stehe auf wackeligen Beinen. Vorsichtige stakse ich zu meinem Bett. In dem Kopfkissen habe ich Verbände und Pflaster versteckt.

Nur Kris weiß es. Kris ist meine beste Freundin. Sie versucht schon sehr lange, mich vom ritzen abzubringen was ihr aber noch nie gelungen ist.
Kris hat ein wundervolles Leben. Ihre Eltern sind stinkreich und vergöttern sie. Die Kerle stehen bei ihr Schlange und sie hat endlos viele Freunde. Ihr Leben ist das genaue Gegenteil von meinem.
Meine Eltern sind beide arbeitslos, wir haben gerade genug Geld zum überleben, wohnen in einem baufälligen Haus im schäbigsten Viertel der Stadt.
Doch was für mich noch viel schlimmer ist, niemand hat mich lieb. Klar gibt es da Kris, aber ein Mensch reicht nicht. Meine Eltern verabscheuen mich, seitdem sie herausgefunden haben, dass ich rauche und Drogen nehme. Sie interessieren sich nicht dafür, was ich mache und reden kaum mit mir. Kein Junge hat sich in den 17 Jahren, die ich jetzt schon überstanden habe, je für mich interessiert oder mich geliebt. Die fehlende Liebe und Zuneigung macht mich krank.
Kris hat schon oft versucht, mich zu einem Psychiater zu bringen, doch ich habe mich immer erfolgreich gewehrt.

Die meißte Zeit meines Lebens verbringe ich mit lernen. Das ist auch der Grund, warum ich es bis heute geschafft habe, auf dem Gymnasium nur Einsen und Zweien zu schreiben. Außer lernen kann ich nichts tun. Andere Leute in meinem Alter gehen shoppen oder surfen im Internet, doch ich habe einfach kein Geld für sowas. Wir besitzen nicht mal einen Fernseher. Kris besucht mich oft, sodass ich nicht den ganzen Tag alleine rumsitzen muss. Neben dem rauchen und ritzen ist es meine einzige Beschäftigung.
So trist kann ein leben sein.
Letztes Jahr waren Kris, ihre Eltern und ich in Spanien. Ich wurde eingeladen. Doch mir stellten sich ein paar Probleme in den Weg. Ich hatte keine Badebekleidung, mein ganzer Körper war mit Narben übersäht und meine Eltern wollten mich nicht gehen lassen. Sonst war ich ihnen so egal... Zum Glück konnte Kris' Mutter meine Eltern überreden, dass ich doch mitfahren durfte. Der Urlaub war wunderschön. 2 Wochen konnte ich aus meinem grauen, eintönigen Leben entfliehen.

Wozu lebt man eigendlich? Mit 3 Jahren wird man in den Kindergarten gesteckt und heult sich jedes mal die Augen aus, wenn Mama oder Papa einen einfach zurücklassen, weil man denkt, sie holen einen nicht wieder ab. Mit 6 Jahren beginnt dann die Schulzeit. Für manche die vielleicht schlimmste Zeit ihres Lebens. Wenn man sich nicht genug anstrengt bekommt man keinen Beruf und sitzt auf der Strasse. Hallo ?!?!? Lebt man nur um zu schuften und leiden?
Manche klagen ja schon über solche Probleme, ich wäre froh, wenn ich nur diese Probleme hätte...

Wenn ich abends einschlafe wünsche ich mir, nie wieder aufzuwachen. Jeden morgen, wenn ich langsam wach werde, denke ich mir, Mist, wieder ein Tag in meinem ach so tollen Leben.
Wenn ich mit Kris zusammen bin, kann ich mich manchmal einfach fallen lassen. Doch sobald ich wieder allein bin ereilt mich mein Schicksal wieder.

Schon seit langem denke ich darüber nach, mir Alkohol und Schlaftabletten zu besorgen und mich damit umzubringen, doch soetwas kann ich Kris nicht antun! Sie ist einfach immer für mich da, wenn ich sie brauche und ich würde ihr mit meinem Tot das Herz brechen. Sie ist schon total verzweifelt, wenn sie mitbekommt, dass ich mich wieder geritzt habe...

Manchmal bin ich von meinen Emotionen sehr überrascht. Manchmal, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und lerne, beginne ich einfach zu weinen, spreche mit einem sarkatischen Ton zu mir selber oder lache bitter vor mich hin. Und das, obwohl es keinen Anslass dafür gibt.
Na gut, wen ich meinen Tagesablauf betrachte.. aufstehen, Schule, Hausaufgaben & lernen, schlafen. Manchmal treffe ich mich mit Kris, doch meißtens sitze ich einfach stumpf an meinem Tisch und starre stundenlang in irgendwelche Bücher.
Um zur Schule zu gelangen, gibt es 2 Wege. Den kurzen über die Autobahnbrücke oder den langen durch die Siedlung. Ich nehme immer den langen, damit ich nicht auf die Idee komme, mich von der Brücke zu stürzen.
Doch heute ist es anders.
Gestern habe ich einen langen Brief geschrieben – für Kris. Der Hinweg ist der lange weg. Durch die Siedlung.
Die Schule läuft wie immer ab, 6 Stunden rumsitzen und langweilen, weil ich schon alles kann.
Ich verabschiede mich von Kris mit einer langen Umarmung und drücke ihr ein Küsschen auf die Wange und sage ihr „Machs gut mein Schatz!“ dann drehe ich mich um und gehe langsam fort. Nichts besonderes. Es ist alles so wie immer. Außer der nach Hause Weg. Ich nehme den kurzen Weg über die Brücke. Die Brücke ist nicht sehr steil, sodass ich schnell hinauflaufen kann, ohne dass mich mein schlechtes Gewissen einholt. Oben angekommen schaue ich in die Ferne. Ganz weit entfernt erstreckt sich ein wunderschöner Wald. Früher war ich sehr oft dort. Mit meiner Mutter.
Damals war die Welt noch in Ordnung.
Ich drehe mich um und gehe auf das Brückengeländer zu. Schnell steige ich über das Geländer und sehe den Erdboden unter mir. Mindestens 50 Meter sind es. 50 Meter, die mich von meiner verzweifelten Lage befreien. Weit entfernt sehe ich einen Lastwagen. Er wird es perfekt machen.
In den letzten Sekunden die ich hier oben noch stehe, denke ich an Kris. Ob sie den Brief schon gefunden hat, den ich ihr heimlich in die Tasche gesteckt habe? Ich weiß es nicht.

Der Lastwagen ist nur noch 100 Meter von der Brücke entfernt. Okay. Jetzt geht es los. Ein letztes mal bekreutzige ich mich. Bitte lass es klappen!
Ein letztes mal weht mir der Wind durch die Haare.
Dann lasse ich mich fallen.
Im Flug denke ich an Kris. Hoffendlich wird sie mir verzeihen.
Sekunden später erfüllt mich ein unertrabarer Schmerz. Es tut so weh, dass ich nicht schreien kann. Ich höre lautes dröhnen und quitschende Reifen.
Und dann nichts mehr.
Es ist aus.
Ich bin tot.

 

Liebe Kris!
Bitte versprich mir, dass du nicht weinen wirst!
Es wird jetzt schwer für dich werden, doch ich habe eine Entscheidung getroffen. Eine richtige Entscheidung.
Heute hast du mich das letzte Mal gesehen. Wenn du das hier ließst bin ich schon nicht mehr am leben.
Ja Kris, du vermutest richtig, ich habe mich umgebracht. Bitte denk jetzt nicht, du bist schuld daran. DU bist es gewesen, die mich dazu bewogen hat, überhaupt so lange durchzuhalten.
Ich bin so stolz auf dich, mein Schatz! Du bist die einzige, die meinem Leben den Sinn gab! Bitte sei nicht böse. Ich weiß, dass ich dich furchtbar verletzt habe, aber ich wusste keinen anderen Ausweg mehr.
Ich trage dich immer in meinem Herzen, egal was du tust! Ich werde dich beschützen, von oben aus dem Himmel werde ich dich beoachten und immer bei dir sein. Bitte vergiss mich nicht!
Von herzen
Deine Emely.


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Als ich gerade mit den Hausaufgaben anfangen wollte, bemerkte ich einen weißen Umschlag, der hinten aus meinem Buch heraus guckte. Ich zog ihn hervor.
Kunstvoll stand "Kris" darauf. Ich wusste sofort, der Brief war von Emely!
Ich öffnete den Umschlag.
Schon bei dem ersten Satz wusste ich, dass sie etwas schlimmes getan haben musste, denn Tränen rannen mir über die Wangen.
Als ich den Text gelesen hatte, saß ich mit geschlossenen Augen da, die Tränen liefen mir in strömen über die Wangen. Ich fühlte mich total leer.
Kurz darauf brach alles aus mir heraus. Laut schluchzte ich auf und flüsterte immer wieder vor mich hin "Nein, nein, nein, nein..."

 

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